21 Jun

Was ist wahr und wozu forschend lernen? Ein Kurzbericht aus der Vortragsreihe zu Forschendem Lernen

Lesezeit: 4 Min -

Seit der zweiten Förderphase des Qualitätspakt-Lehre-Projektes Humboldt reloaded gibt  es die Vortragsreihe zu Forschendem Lernen, bei der etwa fünf bis sechs Vortragstermine im Jahr stattfinden und Referenten von verschiedenen Hochschulen über ihren Zugang und ihre Erfahrungen zu Forschendem Lernen berichten.

Am Donnerstag, den 14.6.2018 war Frau assoz. Prof. Dr. Gertraud Benke vom Institut für Unterrichts- und Schulentwicklung der Universität Klagenfurt zu Besuch in Hohenheim. Sie sprach zum Thema „Forschendes Lernen in der Lehrerbildung zwischen Anforderung und Überforderung“. Zwar gibt es in Hohenheim kaum Studierende, die sich im Lehramtsstudium befinden, doch der anregende Vortrag konnte schnell eine Verbindung zu den didaktischen Überlegungen der Betreuer studentischer Forschungsprojekte herstellen.

Quelle: http://www.neuropaedagogik.de/html/forschung.html

So erklärte Frau Benke ein Modell zur Entwicklung der Sicht auf die Entstehung von Wahrheit und Wissen (Modell der epistemologischen Entwicklung – Reflective judement model nach King & Kitchener, 1994). Dieses beginnt bei einer Einteilung der Weltsicht in Wahr und Falsch („Absolutist“, „Dualist“), geht weiter über die Beurteilung von Wahrheit  nach den Meinungen von Experten (Respektspersonen), weiter über die Feststellung, dass nichts sicher ist und eigene Begründungen durch eigene Überzeugungen geprägt sind (multiplistische Position), bis hin zu einem reflektiertem Denken und einem Verständnis von mehreren Sichtweisen auf etwas, je nach Kontext, und dem Einschätzen einer Sachlage nach der Qualität der jeweiligen Argumente (evaluative Position). Vergleichbar mit den Schrittem im Forschungsprozess gibt es in der Erkenntnistheorie (Epistemologie) Dimensionen, in denen man sich jeweils auf unterschiedlichem Entwicklungstand befinden kann (Buehl & Fives, 2016). So kommt es z.B. zu Verständnisschwierigkeiten zwischen verschiedenen Fachbereichen. Oder Studierende und auch Lehrende, die sich auf der Entwicklungsstufe der Weltsicht im Sinne von Einteilung in Wahr und Falsch stehen, können die forschende Haltung und die Veränderlichkeit von Wissen nicht verstehen. Kurz gesagt, der eigene Entwicklungsstand beeinflusst das Lernverhalten und das Handeln. Der Weg zum Forschenden Lernen ist daher sowohl für Studierende als auch für Lehrende auch ein Prozess der eigenen Persönlichkeitsentwicklung.

Als anderen spannenden Punkt im Vortrag führte Frau Benke Metastudien auf (Hattie 2010; Minner et al. 2009), die belegen, dass Forschendes Lernen allgemein für den Lernzuwachs nicht effektiver ist als andere Lehrformen. Direkte Instruktion, problemlösendes Lernen, reziprokes Lernen (Erarbeiten von Inhalten aus Texten) und kooperatives Lernen haben bessere Ergebnisse erbracht. Wenn es aber um die Entwicklung kritischen Denkens und Prozesswissens geht, dann ist Forschendes Lernen  besonders geeignet, so das Ergebnis der Studien. Es ist also immer wieder die Frage, was ich als Lehrender mit meiner Lehre genau erreichen will. Liegt der Schwerpunkt an der Erarbeitung von Fachwissen oder im Erlernen von Fähigkeiten?

Die nächsten Vortragstermine und -themen der Reihe sind:
Mi, 11.07.2018 | Dr. Sandra Brunsbach, Dr. Ines Weber und Hannah Brand, Uni Kiel | Thema: Forschungswerkstatt Theorien und Methoden: Lessons Learned aus Forschungsteamentwicklungen, forschenden Lehr- und Lernprozessen | Ort: HS 32

Mi, 18.07.2018 | Prof. em. Dr. Alan Jenkins,  Oxford Brookes University | Thema: Undergraduate Research for ALL students: Strategies for Course teams, Departments and Institutions | Ort: HS 11

Alle kommenden und vergangenen Termine können online eingesehen werden unter
https://humboldt-reloaded.uni-hohenheim.de/vortragsreihefll Die Teilnahme an einem Vortrag der Reihe kann sich mit 2 AE in Modul III des Baden-Württemberg-Zertifikats für Hochschuldidaktik angerechnet werden lassen, für das die Arbeitsstelle für Hochschuldidaktik in Hohenheim angesprochen werden kann. Für die Organisation weiterer Vorträge können gerne auch Vorschläge zu Referenten oder Themen eingesandt werden an die Organisatorin der Vortragsreihe, Nicole Henninger (nicole.henninger[at]uni-hohenheim.de).

 

Quellen aus dem Vortrag:

Minner, Daphne D.; Levy, Abigail Jurist; Century, Jeanne (2009): Inquiry-based science instruction-what is it and does it matter? Results from a research synthesis years 1984 to 2002. In: J. Res. Sci. Teach. 47 (4), S. 474–496. DOI: 10.1002/tea.20347. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/tea.20347

Hattie, John A. C. (2010): Visible learning. A synthesis of over 800 meta-analyses relating to achievement. Reprinted. London: Routledge. https://www.routledge.com/Visible-Learning-A-Synthesis-of-Over-800-Meta-Analyses-Relating-to-Achievement/Hattie/p/book/9780415476188