11 Mrz

Fragen zum Bildungsauftrag der Universität – Teil 1

Lesezeit: 5 Min -
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Foto:  Universität Hohenheim/Saja Seus

Einer meiner letzten Blogartikel hatte das Thema „Curriculumentwicklung“. In den Wochen danach bin ich, mehr oder weniger zufällig, über Artikel und Gesprächsrunden gestolpert, die sich mit dem Thema „Bildung und Ausbildung“ beschäftigen.

Fragen wie „Was ist Bildung (heute)?“, „Was bedeutet Ausbildung?“, „Wie versteht sich die Universität (heute) und welchen Bildungsauftrag hat sie?“, „Welche Rolle haben UniversitätsdozentInnen? Welche die Studierenden?“, „Hat die Bologna-Reform die Universität als Bildungseinrichtung zerstört?“, „Geht es nur noch um Punkte und die Gestaltung des idealen Lebenslaufs?“.

Dies sind einige der Fragen, die aufkommen und die in den beigefügten Artikeln (s.u.) sehr spannend diskutiert werden.

Was mir grundlegend in der Auseinandersetzung mit diesem Themenkomplex, basierend auf meiner persönlichen Erfahrung, auffällt, ist Folgendes:

Je länger ich mich mit dem Thema auseinander setze, desto mehr habe ich das Gefühl, in einem Roman von Franz Kafka zu sein: Wir alle sind verstrickt in ein System, das wir anscheinend nicht gänzlich überschauen und begreifen können. Wir leiden an einer Misere, die scheinbar über uns hereingebrochen ist und auf die wir keinen Einfluss haben und es ergibt sich die Frage: Wer ist in dem Ganzen Opfer und wer ist Täter oder sind die einzelnen Teile des Systems sowohl das eine als auch das andere?:

Die Politik im Bemühen, die Universität zu reformieren (Bologna-Prozess) und damit auf die veränderten Lebens- und Berufswirklichkeiten einzugehen. Dies tut sie mit einem Punktensystem (ECTS), das den Anschein erwecken kann, als sei das Sammeln von Punkten der Garant für ein steile Karriere und ein gutes Leben (was auch immer das bedeuten mag).

Dabei muss man bedenken, dass bereits zu Beginn des Bologna-Prozesses und auch noch bis heute die unterschiedlichen politischen Ebenen (EU, Bund, Länder, Universitäten) verschieden agieren und sich sogar gegenseitig blockieren. Dies trug und trägt sicherlich nicht zum Gelingen dieses Reformprozesses bei. (Hier ein nicht ganz aktueller und dennoch interessanter Lesetipp: „10 Jahre nach Bologna: Ziele und Umsetzung der Studienstrukturreform“).

Die Lehrenden im Bemühen, dem Punktesystem gerecht zu werden, und in der vorgeschriebenen Zeit die Inhalte des Studiums zu vermitteln und abzuprüfen. Gleichzeitig versuchen sie (oder zumindest einige), in das ohnehin schon vollgepackte Zeitfenster Lehrmethoden einzubauen, die Kritik-, Urteils-, Team-, Konfliktfähigkeit usw. weiter (heraus-) bilden. Dabei sehen sich viele dieser Lehrenden Ablehnung , Widerwillen, Unverständnis und Bequemlichkeit der Studierenden gegenüber.

Die Studierenden voller Enthusiasmus, ihr Leben zu gestalten und an der Universität Impulse, Ideen, Anregungen und Instrumente dafür zu erhalten und auszubilden, um gut vorbereitet in die Berufswelt und in ihr weiteres Leben zu starten. Gleichzeitig sind auch sie dem Punktesystem unterworfen, dem sie, genau wie die Lehrenden folgen. Sie sehen sich ihrerseits Lehrenden gegenüber, die abzuprüfende Inhalte vermitteln ohne Hingabe und ohne selbst darin einen Sinn zu erkennen. Diesen Lehrenden scheinen selbst oft Kompetenzen und Zeit zu fehlen, auf den Enthusiasmus und die Aufbruchstimmung der Studierenden einzugehen.

Was könnte getan werden?
Angenommen, wir sind tatsächlich sowohl Opfer als auch Täter, könnte es dann nicht sinnvoll sein, gemeinsam eine Lösung zu finden? Das heißt, öfter als es bisher schon der Fall war, in der direkten Auseinandersetzung die verschiedenen Perspektiven zu beleuchten, eigene Schwächen und Fehler zu erkennen (und einzugestehen) und zusammen einen für alle zufriedenstellenderen Weg einzuschlagen.

Der Rahmen ist mit dem Bologna-Prozess gesetzt, daran wird es keine Veränderung mehr geben. Aber es würde durchaus Sinn machen, zu überlegen, ob denn das Punktesystem tatsächlich all die Restriktionen beinhaltet, die wir als so belastend empfinden. Vielleicht ist das System flexibler als wir glauben, nur leider haben wir den Blick dafür verloren oder niemals gehabt.

Eine Curriculumentwicklung kann, wenn sie ehrlich vollzogen wird und alle Beteiligten mit einbezogen werden, das Instrument sein, welches eine (Weiter-) Entwicklung von Studiengängen im Hinblick auf eine sinnvolle, zielgerichtete und vor allem bereichernde Universitätsbildung und -ausbilung sein kann. Es könnte eine gemeinsame Auseinandersetzung erfolgen, auch mit dem, was die politischen Ebenen mit hineintragen und die Gestaltung beeinflussen. Das Agieren der unterschiedlichen AkteurInnen könnte beleuchtet werden, um Vorgaben und Abläufe noch besser zu verstehen und dies vor allem aus drei Gründen:

  1. Was bietet das System an individueller Gestaltungsfreiheit für den einzelnen Studiengang, den/die Lehrenden/Lehrende und den/die Studierenden/Studierende?
  2. Wie könnte der Studiengang konzipiert und durchgeführt werden, um allen Beteiligten den bestmöglichen Weg zur Erreichung ihrer Bildungs-, Ausbildungs-, Forschungs- und Entwicklungsziele, bieten zu können?
  3. Inwieweit möchten sich die Beteiligten in die Weiterentwicklung des Bologna-Prozesses einbringen, um selbst mitgestalten zu können?

Mit dem, was Bildung und was Ausbildung an der Universtität bedeutet, setzen sich folgende Zeitungsartikel auseinander:

Prof. Andreas Dörpinghaus, Uni Würzburg: „Bildung – Plädoyer wider die Verdummung“
Die Zeit: Sicht einer Lehrenden: „Bin ich Humboldts Großmutter?“
Die Zeit: Sicht der Studierenden „Ihr seht nur Eure Lehrpläne, nicht die Welt“

Eine Fortsetzung dieses Themas wird in Kürze in einem zweiten Blogartikel erscheinen.