27 Apr

Die richtigen Fragen stellen

Lesezeit: 6 Min -

Als neuestes Mitglied im Team des Didaktikblogs möchte ich meinen ersten Beitrag dazu nutzen, mich vorzustellen und kurz einige Erfahrungen aus meiner eigenen Hochschullehre zu schildern, die ich womöglich mit anderen Hochschullehrenden teile, die mich vor Fragen gestellt haben und die mir immer wieder Anlass dazu gaben, die Situation zu überdenken und sie mit KollegInnen zu besprechen.

Foto: Universität Hohenheim/Eric Lichtenscheidt

Foto: Universität Hohenheim/Eric Lichtenscheidt

Nach meinem Studium der Allgemeinen Pädagogik an der Universität Regensburg arbeitete ich von 2012-2015 in der Abteilung Pädagogik der Universität Stuttgart, wo ich schwerpunktmäßig Lehrveranstaltungen für Lehramtsstudierende abhielt. Seit April 2016 arbeite ich nun in der Arbeitsstelle Hochschuldidaktik der Universität Hohenheim und bin so zum Team des Didaktikblogs gestoßen. Als Nachfolgerin von Julia Hoen bietet es sich nun regelrecht an, im folgenden Beitrag an ihren letzten Artikel anzuknüpfen.

In meinen Seminaren an der Universität Stuttgart behandelte ich verschiedene Themen, hauptsächlich aus der Schulpädagogik, wie z.B. zur allgemeinen Didaktik, Beobachtung im Unterricht oder  zu Erziehungs- und Bildungszielen. Je nach Themenwahl boten sich auch sehr unterschiedliche Veranstaltungsformate und Sozialformen an. Damit zu experimentieren bzw. eine möglichst sinnvolle Passung zwischen Inhalt und Methode zu finden, fand ich spannend. Um mehr Aufschluss darüber zu erhalten, ob ich mit meiner anfänglichen Vermutung über diese Passung richtig lag, führte ich manche Veranstaltungen auch ein zweites Mal in einem veränderten Format durch. Es fanden Projektseminare statt, die nach einer theoretischen Einführungsphase weniger in Präsenzform als in einer Art Praxisbegleitung durchgeführt wurden, es gab Projektseminare, die in Kooperation mit dem Linden-Museum in Stuttgart abgehalten wurden und den Studierenden die Möglichkeit gaben, allgemeine didaktische Prinzipien außerhalb ihres Studienfachs auszuprobieren. Ich versuchte, durch aktuelle und brisante Themenbezüge Diskussionen zu initiieren, in Veranstaltungen zur Beobachtung im Unterricht sollten Studierende ihre erworbenen forschungsmethodischen Kenntnisse an selbstgewählten Gegenständen und Situationen erproben und kleine Beobachtungen durchführen, ich verteilte Referate und führte durch Lektürekurse zu historischen Bildungstheorien.

All das mit dem Ziel, meine Studierenden, die ich als selbständig denkende, mündige, interessierte und aufgeschlossene Menschen ansehe, zu ermutigen, sich kritisch, manchmal provokativ, reflektiert und neugierig und dabei stets mit dem notwendigen Bezug zu einer wissenschaftlichen und theoriegeleiteten Arbeits- und Argumentationsweise mit neuen Themen auseinanderzusetzen. Mit diesem Verständnis von Studierenden und Vermittlung sah ich meine Aufgabe als Lehrperson darin, ein Angebot dafür zu machen, sich mit bestimmten Themen eingehender zu beschäftigen. Und zwar mit Themen, die ich als Lehrperson (mit entsprechendem fachlichen Hintergrund) als relevant erachte, und in der Form, in der ich es für sinnvoll halte. In welcher Tiefe, bleibt jedem und jeder selbst überlassen und kann von mir (auch im Sinne eines konstruktivistischen Lernbegriffs) nur sehr begrenzt beeinflusst werden. Trotzdem bemühte ich mich, meine Lehrveranstaltungen nach bestem Wissen und Gewissen möglichst vielseitig zu gestalten.

Wozu das bisweilen dennoch führt, schilderte u.a. Christiane Florin in einem Artikel für Die Zeit von 2012 und in ihrem Essay „Warum unsere Studenten so angepasst sind“ (2014), der ihr – das sei nicht zu verschweigen – von vielen Seiten vehemente Kritik einbrachte, gleichwohl aber auch zahlreichen Zuspruch. Die Erfahrungen, von denen sie berichtet, teile ich in so mancher Hinsicht: eine Fokussierung auf den Leistungsnachweis, Stromlinienförmigkeit, „Dienst nach Vorschrift“. Was an dieser Stelle betont werden soll, um den Beitrag nicht zu einem schnöden Abgesang auf die Studierenden von heute werden zu lassen, ist, dass es doch stets nur um einen Teil der Studierendenschaft geht. So viele Studierende es gibt, so unterschiedlich sind sie in ihrer Art und Weise, wie sie studieren, welche Motive sie dafür haben und was sie am Ende selbst von sich erwarten. Nicht zuletzt wird dies auch in der von Julia Hoen angeführten Replik auf Florins Artikel deutlich.

Es scheint mir aber noch nicht überflüssig, sich wie Christiane Florin und Julia Hoen auch Gedanken darüber zu machen, wo sich Lehrpersonen die richtigen Fragen stellen können, bevor man nach den richtigen Antworten sucht, um Studierende mit ihren Anliegen und Motiven verstehen zu können: Was also könnten z.B. Gründe dafür sein, dass in Lehrveranstaltungen trotz guter Vorbereitung, einer vermeintlich interessanten und vielseitig bearbeitbaren Themenwahl, Möglichkeiten zu selbständigem Arbeiten, Partizipation usw. der Fokus der Studierenden dennoch häufig auf dem zu erbringenden Leistungsnachweis liegt? Dafür, dass kritische Fragen allenfalls im Rahmen von Verhandlungen über den zu erbringenden Arbeitsaufwand statt zum Inhalt gestellt werden? Dafür, dass ein Bedürfnis nach einer Handlungsanleitung, einem Rezept, einem „wie ist es denn nun richtig?“ besteht? Dafür, dass die Motivation oftmals primär von einem Kosten-Nutzen-Denken angetrieben wird? Dafür, dass Seite 20 oder Seite 77 garantiert nicht gelesen werden, wenn in der Literaturliste die Angabe Seite 21-76 steht (vgl. Florin 2012)? Am Ende auch dafür, dass man möglicherweise seinen selbst definierten Bildungsauftrag nicht erfüllen kann? Woher kommt überhaupt dieser Eindruck von den Studierenden, den scheinbar viele Dozierende teilen?

Das Verstehen, die Analyse dessen, was die Gründe hierfür sind und was Dinge sind, die Studierende in ihrer Lebenswelt umgeben, wie diese Welt aussehen soll und wie diese Dinge mit der Entscheidung für ein Studienfach zusammenhängen, muss ganz am Anfang stehen, wenn wir wollen, dass Studierende selbständig und aktiv, interessiert und mit eigener Betroffenheit und Urteilskraft studieren. Dafür muss auch auf Seiten der Hochschullehrenden die Bereitschaft bestehen, in eine Debatte zu treten und Studierende dazu aufzufordern, ihre eigenen Wünsche und Forderungen deutlich und konstruktiv zu artikulieren.

Durch einen kürzlich von Julia Gerstenberg verfassten Buchbeitrag (noch nicht veröffentlicht) bin ich auf das Format des Open Space aufmerksam geworden. Bei einer Open Space-Veranstaltung geht es um möglichst viel Offenheit bezüglich der Themenvorgabe, Partizipation und Gespräche, die losgelöst sind von herkömmlichen Hierarchien. Unter Berücksichtigung dieser Aspekte kann ein Open Space an Hochschulen eine sinnvolle Plattform für alle Beteiligte sein, um ihre Anliegen und Bedarfe zu artikulieren.

Literatur:

Florin, C. (2014). Warum unsere Studenten so angepasst sind. Rowohlt Taschenbuch Verlag. Reinbek bei Hamburg.